Die VWL-Kolumne

Planwirtschaft an den Finanzmärkten?

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In freien Markt-wirtschaften bündeln die Preise wertvolle Informationen über Angebot und Nachfrage. Seit der Globalen Finanzkrise greifen die Zentralbanker jedoch massiv in die Marktwirtschaft ein. Von Yves Longchamp.

Die Finanzmärkte gelten als das Paradebeispiel einer freien Marktwirtschaft. Sie sind ein virtueller Platz, auf dem Millionen von Käufern und Verkäufern kontinuierlich standardisierte Produkte austauschen. Im Gegensatz zur freien Marktwirtschaft werden Produktion und Konsum in kommunistischen Volkswirtschaften in einem Plan festgelegt, der von einer zentralen Institution beschlossen wird. Sind die quantitativen Lockerungsprogramme der großen Zentralbanken also mit solchen Plänen vergleichbar?

Die Europäische Zentralbank, die amerikanische Fed und auch die Bank of England kaufen seit Jahren große Mengen von Vermögenswerten, deren Gesamtvolumen vorab in einem QE-Programm festgelegt wird. Der Fokus liegt hierbei auf der Menge, ganz unabhängig vom Preis. Die Entwicklung der Marktrenditen von Staatsanleihen spricht hinsichtlich der Auswirkungen dieser bedingungslosen Käufe Bände. Langfristige deutsche Staatsanleihen rentieren negativ und italienische Renditen sind niedriger als ihre US-amerikanischen Pendants. Laut Financial Times beträgt der Marktwert von Anleihen mit einer negativen Rendite infolge der staatlichen Kaufprogramme 13,4 Billionen USD.[1] Da müssen Zweifel am Informationsgehalt der Marktpreise für Staatsanleihen aufkommen.

Über ihre eigene Bewertung hinaus spielen die Renditen von Staatsanleihen für Anleger bei der Beurteilung der unterschiedlichen Assetklassen eine zentrale Rolle. Staatsanleihen werden als risikofreie Zinsen verstanden und bilden die Basis für die Preisfindung aller anderen Vermögenswerte. Dementsprechend wirkt sich eine Verzerrung in diesem speziellen Marktsegment auch auf die anderen Vermögenswerte aus. Diese grundlegende Verzerrung wird durch den Renditehunger der Anleger zusätzlich verstärkt, die dazu gezwungen werden, ein größeres Risiko bei gleicher Rendite einzugehen. In den USA erreichten die Aktienmärkte so neue Höchststände, trotz eines allgemeinen Pessimismus und magerer Wachstumsaussichten. Am Ende dieser Kettenreaktion steht somit eine Fehlbewertung aller finanziellen Vermögenswerte.

Diese Entwicklung kann sich fortsetzen, solange die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken nicht infrage gestellt wird. Durch die Vernetzung der internationalen Finanzmärkte werden risikofreie Renditen global auf dem niedrigsten Niveau konvergieren und die Preise für risikoreiche Vermögenswerte werden weiter losgelöst von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten ansteigen, es sei denn, die Zentralbanken verlieren ihre Glaubwürdigkeit. Bis das passiert, werden die Preise zwar fehlbewertet, aber untereinander konsistent bleiben. Es scheint also durchaus legitim eine Verbindung zwischen den gegenwärtigen Entwicklungen an den Kapitalmärkten unter dem Einfluss einer ultralockeren Geldpolitik einerseits und der Funktionsweise kommunistischer Volkswirtschaften andererseits herzustellen. Abschließend können die derzeitigen Preisniveaus an den Börsen als Streben der Märkte in Richtung Gleichheit anstelle von Fairness gedeutet werden.

Autor: Yves Longchamp, Head of Research bei ETHENEA Independent Investors (Schweiz) AG

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