Ein Gespräch über André Kostolany

Er fehlt

Elmar Peine -

Warum ist das Image der Börsianer heute so schlecht? Klar, weil es die Lehman-Pleite, den Telekom-Börsengang, den Neuen Markt, die Griechenlandkrise und weitere Katastrophen  gegeben hat. Aber auch, weil es keine Figur gibt, die bei den Deutschen für die positiven Seiten der Börse steht. Einer wie André Kostolany. In diesem Jahr hätte er seinen 110ten Geburtstag gefeiert. Ein Gespräch über den Altmeister und über die Gründe für das Fehlen eines Nachfolgers.

Manfred Gburek ist ein verdienter Journalist, der in der Chefredaktion der Wirtschaftswoche, des Wertpapiers, der Telebörse und der Euro gesessen hat. Kannte er Kostolany? „Klar und besser als viele, die sich heute als seinen Freund bezeichnen“ sprudelt es aus dem ansonsten eher nüchternen Gburek. Und dann erinnert er sich, wie ihm Kostolany Anfang der siebziger Jahre in eines seiner Bücher eine Widmung schrieb und wie Kostolany später ein Vorwort zu einem der Bücher von Gburek aus Paris über den Ticker lieferte.  Wie Kostolany, wenn er in Düsseldorf war, regelmäßig zum Gespräch (das dann doch eher ein Monolog wurde) in den Investors-Club der Deutschen Bank lud. Und wie streng Kostolany dass R rollen konnte, wenn man ihm widersprach: „Jungeerrr Maaan, sie kennen die Börse nicht so wie ich“. Gburek nennt viele Gründe, warum auch 17 Jahre nach Kostolanys Tod kein Nachfolger in Sicht ist. Der Private Banker fasst die Eigenschaften, die Kostolanys Ruhm ausmachen und die Anwärter auf die Nachfolgeschaft mitbringen müssten, in sechs Thesen zusammen.    

Manfred Gburek
Manfred Gburek

 

Die Internationalität

Kostolany war in einer Zeit, in der kaum jemand diesen Begriff benutzte, eine globale Figur. Er war Spross einer reichen ungarischen Industriellenfamilie (Spirituosen), besaß einen amerikanischen Pass, hat die die meiste Zeit seines Lebens in Paris verbracht und war vor allem in Deutschland bekannt.

Als Weltenbürger konnte er über die Engstirnigkeit der meisten Börsianer nur den Kopf schütteln. Nirgendwo, so ein Bonmot von ihm, finde man pro Quadratmeter mehr Schwachköpfe als auf der Börse. Insbesondere Volkswirte und deren Scheuklappendenken verachtete der studierte Philosoph und Kunstgeschichtler, der eigentlich Musiker werden wollte.

 

Die Unabhängigkeit

In einem Gespräch mit Johannes Gross berichtet Kostolany Anfang der achtziger Jahre, er sei  wohlhabend (aber nicht reich) und nicht auf die Erträge seiner Börsentätigkeit angewiesen. Diese Freiheit hält Gburek heute für eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg Kostolanys. „Er hatte schlichtweg Zeit“, und meint damit neben dem nicht vorhandenen Akquise-Druck auch das Fehlen von aufsichtsrechtlich verursachtem Stress.

Die Unabhängigkeit Kostolanys offenbart sich auch in seinen Börsenweisheiten. Nur wenige Vermögensverwalter raten ihren Kunden heute, man solle Aktien und Schlaftabletten kaufen und lange nichts tun. Besser fürs Verwalter-Geschäft ist es, aktive Ansätze zu propagieren. Oder der Umgang mit der Inflationsangst. Es wäre gerade in den Siebzigern ein Leichtes für Kostolany gewesen, die Inflationsgefahr zu beschwören (und damit Aktienkäufen zwingend erscheinen zu lassen). Kostolany hat eher die Vorzüge einer gemäßigten Inflation (von zwei bis drei Prozent) hervorgehoben.

 

Die Unterhaltsamkeit

Wer heute die dreißig Jahre alten Videos auf Youtube ansieht, wird vom Börsenaltmeister immer noch gut unterhalten. Kostolany ist nie nur Ökonom, der den Zusammenhang von Geldmenge Zinspolitik und Konjunkturverlauf veranschaulicht. Er erzählt und unterhält bestens, wenn er etwa vom Patriotismus seiner deutschen Gouvernante berichtet. Wie ein Weltmann auf den Punkt (den Börsentipp) kommt, zeigt die legendäre Audi-Werbung, die kurz vor seinem Tod aufgenommen wurde. („Die Leute wollen immer Börsentipps von mir.“) Kostolany sitzt in dem Auto, und rät das Leben zu genießen, zählt die vielen schönen Dinge auf und erst ganz zum Schluss, quasi nebenbei, fügt er an: … und denken Sie mal über Aluminium-Aktien nach.“ Das ist kilometerweit entfernt von den teils platten Börsentipps mancher heutiger Experten, aber auch besser als das resignative „Ich hab auch keine Glaskugel …“ vieler Verwalter.

 

Das Sendungsbewusstsein

„Es fehlt einer“, sagt Gburek, „mit dem Sendungsbewusstsein eines Kostolany.“  Dann fügt er einen Satz an, der heute fast komisch klingt. „Er wollte aus den Deutschen ein Volk von Spekulanten machen, weil er vom Segen der Spekulation überzeugt war.“

Wie viel Sendungsbewusstsein (und Mut) die Verwalter heute haben, darüber lässt sich streiten. Wirklich vernehmbar ist es nirgendwo, weil es sich offenbar nirgendwo mit dem richtigen Medienumgang verbindet. Welcher Börsianer sieht sich heute denn auch als Journalist und Medienmensch? Kostolany war Kolumnist von Capital, Autor von acht Büchern, oftmaliger Talkshow-Gast und Referent in zig Börsenseminaren.

Dass er sich dabei eine Distanz zu sich selbst bewahrt hat, (die auch nicht alle heutigen Börsengurus haben), zeigt sich an dem Umgang mit einem Foto, dass ein Magazin-Fotograf einst von dem schlafenden Kostolany gemacht hatte. Gburek klingt noch heute erstaunt, wenn er erzählt, dass der Börsenstar kein Problem mit der Veröffentlichung gehabt habe. 

 

Die richtige Nase

Was würde heute mit einer Finanzmarktfigur vom Range eines Kostolany passieren? Er würde in kurzer Zeit einen eigenen Fonds steuern und dann viel von seinem Glanz verlieren, wenn der Fonds auch mal schlechtere Ergebnisse abliefern würde (siehe sehr aktuelle Beispiele). Insofern hat Kostolany wahrscheinlich Glück gehabt, in einer Zeit zu leben, in der sich seine Position allenfalls in der Werbung und in Börsenseminaren verwerten ließ.     

Apropos Anlageerfolg: Gesicherte Erkenntnisse von Kostolanys Erfolg an der Börse gibt es nicht. Es heißt, er sei durchaus erfolgreich gewesen. In den fünfziger und sechziger Jahren soll er in die damals kaum beachteten und weit unterschätzen Anleihen deutscher Unternehmen eingestiegen sein. Und kurz vor seinem Tod, so berichtet Gburek, habe Kostolany vor der Nasdaq gewarnt und erwähnt, dass er 50% seiner Aktien verkauft habe, womit er bei jeder Börsenfortsetzung Grund zur Freude hätte.

 

Die Gnade der richtigen Börsenphase

Zur Legendenbildung gehört selbstverständlich auch die richtige Zeit. Kostolany hat ganz offenbar seine Rolle in einer geeigneten Börsenphase ausgefüllt. Die Deutschen waren in den siebziger und achtziger Jahren zu wohlhabend geworden, um es sich leisten zu können, ohne die Finanzmärkte  auszukommen. Ein Erklärer von außen hatte es da naturgemäß einfach. Einem breiten Publikum wurde er dann in den neunziger Jahren in Deutschland richtig bekannt, in einer Phase, in der Börsianer auch Reichmacher genannt wurden. Er starb 1999, wenige Monate vor dem Platzen der  New Economy-Blase. Man fragt sich, wie es um seine Popularität aussehen würde, wenn er das Fiasko hätte erklären müssen. Und was wäre, wenn Kostolany kurz darauf das Gesicht des Telekom-Börsenganges geworden wäre?   

 

Fazit

Zugegeben: Um eine Börsen-Ikone zu werden, muss viel zusammenkommen. Und jede Figur ist auch ein Abbild ihrer Zeit, die sich nicht einfach versetzen lässt. Aber dennoch sind Finanzmarktteilnehmer und insbesondere Vermögensverwalter nicht schlecht beraten, wenn sie sich die Faktoren, die den Erfolg von Kostolany ausgemacht haben, auch mit Blick auf die heutige Markenbildung ein wenig näher anschauen.

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