Ende einer Spekulation

Keynes als Anleger

Elmar Peine -

Folge 1

Keynes war einer der letzten Vertreter der heroischen Wissenschaftsphase, in der es noch Giganten gab, die eine Gedankenwelt fast alleine aus den Angeln heben konnten.

Folge 2 im Anschluss 

 

John Maynard Keynes gilt als einer der innovativsten und wirkmächtigsten Ökonomen überhaupt. Als Begründer der modernen Makroökonomie und eines neuen volkswirtschaftlichen Paradigmas schrieb er Theoriegeschichte. Der Sohn eines Ökonomieprofessors, der Mathematik, Philosophie, Geschichte und Ökonomie studiert hatte, brillierte jedoch nicht nur in Theorie. In politischen Funktionen vertrat er England in Verhandlungen an welthistorisch entscheidenden Weggabelungen (z.B. Versailler Vertrag, Bretton-Woods-Abkommen). Als Kunstliebhaber bewegte sich das Mitglied der Bloomsbury Group in einem exquisiten Literaten- und Künstlerkreis um Virginia Woolf. Als Professor der Universität Cambridge war der kontaktfreudige Mann in ein weitläufiges Elitennetzwerk verflochten. Last, but not least war Keynes zeit seines Erwachsenenlebens ein leidenschaftlicher Privatanleger und betätigte sich sowohl als Berater wie auch als Entscheider für verschiedene institutionelle Investoren. Insbesondere seine von 1921 bis zu seinem Lebensende 1946 dauernde, sehr gut dokumentierte Karriere als Verwalter des Stiftungsvermögens des King‘s College der Universität Cambridge wirft ein Licht auf seine Fähigkeiten als Portfoliomanager und die „Revolutionen“, die er dabei in Gang setzte. Denn Keynes erwies sich auch hier – wie in Anbetracht seiner intellektuellen Vita nicht anders zu erwarten – als Innovator: Als erster Vermögensmanager von Universitätsstiftungen erschloss er für das King‘s College in den 1920er Jahren eine damals noch als „alternativ“ betrachtete Assetklasse – Aktien. Und nach einigen harten Lehrjahren als aktiver Manager, in denen er beim Timing regelmäßig vom Markt aufs Kreuz gelegt wurde, brachte er es mit einer von ihm wohl eigenständig entwickelten Strategie des Value Investings zu einiger Meisterschaft.

 

Das Stiftungsvermögen des King‘s College, Cambridge

Die alten Colleges von Oxford und Cambridge gelten als die Urbilder von Investoren mit generationenübergreifendem, ja endlosem Anlagehorizont. Das King’s College, an dem Keynes lehrte, wurde 1441 von Heinrich VI gegründet. Zur Finanzierung wurde es großzügig mit Kapital in Form von landwirtschaftlichem Grundbesitz ausgestattet, der sich über ganz England verteilte. Zwar führten abnehmende Erträge im Agrarbereich in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts zu Modifikationen der Vermögensallokation. Aber bis zum Ersten Weltkrieg bestand das Vermögen der Universitäts-Stiftungen – und hier machte das King‘s College keine Ausnahme – immer noch überwiegend aus Landbesitz. Hochsichere Rentenpapiere, die seit Mitte des 19. Jh. vermehrt beigemischt wurden, hatten 1914 kaum einen Anteil von 10 Prozent. Die Portfolios waren also, nicht zuletzt aufgrund der Stiftungsvorgaben, nur wenig diversifiziert und damit sehr anfällig für negative Ertragsschocks in der depressionsgeplagten Landwirtschaft.

Keynes war seit 1909 in die Finanzverwaltung des King‘s College involviert. Seit 1921 war er, zunächst als Second Bursar und ab 1924 als First Bursar (Erster Schatzkanzler mit voller Verantwortung), für das Portfoliomanagement der College-Stiftung zuständig. 1921 konnte Keynes durchsetzen, dass ein Teil des Stiftungsvermögens von den beschränkenden Stiftungs-Vorgaben ausgenommen wurde. Damit entstanden zwei Portfolios, die er zu managen hatte: das den Stiftungsrestriktionen unterliegende reguläre Portfolio (RP) und ein diskretionäres Portfolio (DP), in dem Keynes seine Vorstellungen im Grunde ungeschmälert umsetzen konnte. Da die einschlägigen Reports archiviert wurden, konnten die beiden Wirtschaftswissenschaftler David Chambers und Elroy Dimson in den letzten Jahren diese Quellen umfassend sichten, systematisch auswerten und auf diesem Wege Struktur und Performance der beiden von Keynes verwalteten Stiftungs-Portfolios ermitteln. Das DP bildet dabei Keynes‘ Vorstellungen und Fähigkeiten als Portfoliomanager am besten ab.

 

Die Keynessche Aktien-Revolution

Anders als die meisten institutionellen Investoren, die sich auf Land, Immobilien und einige sichere Festverzinsliche beschränkten, vertrat Keynes in den 20er Jahren die damals noch „revolutionäre“ Idee, dass Aktien als Sachwerte für institutionelle Investoren mit sehr langem Horizont geeignet und zugleich ertragreicher seien. Das war allein schon deshalb kühn, weil britische Aktien in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. J.h. inflationsbereinigt negativ performten. Dass Keynes dennoch richtig lag, zeigte der Umstand, dass  zwischen 1921 und 1946 britische Aktien eine jährliche Realrendite von 8,3% aufwiesen. Allerdings verband Keynes seinen Glauben an Aktien nicht mit einem passiven Ansatz, sondern mit einem dezidiert aktiven, wie wir weiter unten noch sehen werden.

Das King‘s College investierte nach dem Eintritt Keynes‘ ins Management 1921 massiv in Aktien – lange Zeit als einziges College. Selbst die meisten US-Universitäts-Stiftungen nutzten Aktien in dieser Zeit mit weniger als 10% bloß als Beimischungen. Keynes hingegen hatte den Anteil an UK-Aktien im diskretionären Portfolio zwischen 1922 und 1929 auf durchschnittlich 75% erhöht, zwischen 1930 und 1939 lag der Anteil bei 46% und zwischen 1940 und 1946 bei 69%. Fügt man die US-Aktien hinzu, die Keynes erst seit 1933 ins Portfolio nahm, dann lag der Aktienanteil 1930-39 bei 57% und 1940-1946 bei 73%.

Wie schnitt das diskretionäre Portfolio im Vergleich ab? Die jährliche Performance zwischen 1922 und 1946 war: Diskretionäres Portfolio: + 16%; UK-Aktien-Index + 10,4%; UK-Staatsanleihen: + 7,1%; reguläres Portfolio: + 6,8%. Keynes war nur in 6 von 25 Finanzjahren schlechter als der UK-Aktien-Index. Davon fielen 4 Jahre in die ersten 8 Jahre seiner Verwaltung. Damit kommen wir zu Keynes‘ Lehrzeit als aktiver Manager in den 20er Jahren. 1929 lag er seit 1922 mit seinem DP kumulativ mit 17,2% hinter dem UK-Aktienmarkt zurück. Keynes hatte auch den starken Einbruch der Märkte in den folgenden Monaten nicht antizipiert. Das sprach nicht für jene Meisterschaft, die Keynes von sich selber am meisten erwartete. Die enttäuschenden Ergebnisse waren für ihn jedoch kein Grund zur Resignation, sondern Ansporn für einen grundlegenden Lernprozess: Keynes änderte seinen aktiven Investmentsatz in den frühen 30er Jahren radikal.

 

Keynes als aktiver Manager: Vom Lehrling zum Meister

Keynes glaubte nie an effiziente Märkte. Er erkannte, dass viele Anleger aus unterschiedlichen Gründen nur kurzfristig orientiert waren und dass sie insofern spekulativ handelten, als sie ihre Erwartungen und Entscheidungen von den Erwartungen und Entscheidungen anderer Marktakteure abhängig machten. U. a. deshalb  wählte Keynes einen aktiven Ansatz, der allerdings auch seinem Selbstbewusstsein am besten entsprach.

Begonnen hatte Keynes, wie es sich für einen „Volkswirt“ gehört, mit einem Top-down-Ansatz. Offenbar glaubte er damit, seine gesamtwirtschaftliche Expertise relativ einfach in Zusatzerträge ummünzen zu können. Auf Basis diverser ökonomischer Indikatoren und der Theorie des Kreditzyklus versuchte er fortan, im Sinne des Market Timings die Anteile von Aktien, Anleihen und Barem im Portfolio zu variieren. Das erzielte Ergebnis war jedoch meist schlechter, als es der Markt erlaubte. Als Folge solch ernüchternder Erfahrungen würden sich wahrscheinlich heute viele Investoren in Bescheidenheit üben und sich zu überzeugten Anhängern eines passiven Ansatzes bekehren lassen. Aber damals kannte man die Modelle der modernen Portfoliotheorie noch nicht. Und ein intellektuell demütiges Genie wäre eine contradictio in adiecto. Keynes blieb folgerichtig der Idee des aktiven Managements ebenso treu wie seiner Aktien-Zuneigung. Er gab jedoch den Top-down-Ansatz auf und ging in den frühen 30er Jahren zu einem Bottom-up-Ansatz über. Außergewöhnlich genug für einen schon berühmten Makroökonomen, der sich nun als Mikroökonom betätigten wollte, um überlegenes Wissen auf Unternehmensebene in Mehrerträge umzusetzen. Keynes praktizierte dabei im Wesentlichen die Idee des Value Investings, die er wohl, wie Kenner seiner Schriften vermuten, unabhängig von Graham entwickelte. Keynes präferierte sorgsam ausgesuchte Aktien von Unternehmen mit hohem inneren Wert, die zugleich hohe Dividenden versprachen. Größere Summen steckte er in einige Unternehmen des Industriesektors: etwa in Goldminen- oder Autoaktien; fern hielt er sich von Finanztiteln. Insgesamt bevorzugte er Nebenwerte. Nach heutigen Maßstäben war sein Aktienportfolio relativ stark konzentriert: Denn Keynes investierte nur in Unternehmen bzw. Branchen, die er zu kennen glaubte und von denen er überzeugt war. Dennoch war das diskretionäre Portfolio stärker diversifiziert als orthodoxe College-Stiftungs-Portfolios und viele Aktienportfolios der damaligen Zeit. Die neue Strategie wirkte sich auch auf der Kostenseite positiv aus: Aufgrund der nun längeren Halteperioden reduzierten sich die Transaktionskosten erheblich. Schließlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass zum sozialen Netzwerk von Keynes Manager von Firmen gehörten, von denen er Aktien erwarb. Das daraus gezogene Insider-Wissen dürfte er genutzt haben.

 

Makro & Mikro-„Keynesianismus“

Alles in allem hat es Keynes im aktiven Management von Stiftungsvermögen mit der Zeit zur Meisterschaft gebracht. Von seiner Pioniertat, in Aktien bzw. „Alternative“ zu gehen, könnte gerade heute manche Stiftung lernen. Dass er als einer der Ersten systematisch und erfolgreich Value Investing praktizierte, spricht für seine Fähigkeit, aus Fehlern fundamental zu lernen. Allerdings hatte Keynes insofern Glück, als ihm zweimal die Weltwirtschaftskrise als Hebamme zur Seite sprang: Das eine Mal verhalf sie der nach ihm benannten Makroökonomie auf die Welt, um die auf Mikroökonomie basierende Neoklassik zu verdrängen. Das andere Mal assistierte sie seiner nach ihm nicht benannten Mikroökonomie des Value Investings bei der Geburt, um seinen auf Makroökonomie beruhenden ursprünglichen Investmentansatz abzulösen.

 

Keynes als Anleger: Folge 2

Duncan Grant, Maler und langjähriger Geliebter von Keynes

Keynes als Devisenspekulant und Kunstinvestor

Duncan Grant, in Schottland geborener Maler und langjähriger Geliebter von John Maynard Keynes, beeinflusste wesentlich dessen Kunstgeschmack und seine Vorliebe für Post-Impressionisten Neue Studien zum Anlageverhalten von Keynes auf Devisenmärkten und im Kunstbereich. Keynes als Devisenspekulant

Wenn die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg für irgendjemanden „Goldene Zwanziger-Jahre“ waren, dann gewiss für Währungsspekulanten. Der „Große Krieg“ mündete in manche Revolution und er sprengte auch die Ketten der Wechselkursbindungen. Fortan fluktuierten die Kurse frei und schwankten nicht minder extrem als die historischen Ereignisse. Das hatte nach Ende des Krieges bald eine eigentümliche Goldgräberstimmung zur Folge: Eine schnell wachsende Zahl von Spielern und Spekulanten suchte das Nachkriegsglück im Handel mit Devisen, insbesondere am prosperierenden Londoner Terminmarkt. Darunter Winston Churchill, der, kaum dem 1915 selbstverordneten Schützengraben entstiegen, neue Nervenkitzel suchte. Und auch John Maynard Keynes wollte nicht beiseite stehen, sondern die Gelegenheit am Schopfe packen, seine Makroökonomie in klingende Münze zu verwandeln.

Wer, wenn nicht er, sollte sonst schon die Kunst beherrschen, Wechselkurse auf Basis vieler makroökonomischer Faktoren mit der geschärften Urteilskraft des bereits renommierten Theoriebildners zu prognostizieren? Etwa die vielen „naiven“ Spekulanten, die leichtgläubig einer ebenso leicht fassbaren technischen Regel folgten? Also die Carry und Momentum Trader, die mit Hilfe schlichter Preislinien die Zukunft aus der unsichtbaren Hand des Marktes lesen wollten? Dieser Anspruch dürfte kaum satisfaktionsfähig für den elaborierten Keynes gewesen sein, von dem der berühmte Philosoph und bahnbrechende Logiker Bertrand Russel einst sagte, er sei der intelligenteste Mensch gewesen, dem er jemals begegnet sei. Keynes hätte in jüngeren Jahren dieser Einschätzung sicher nicht widersprochen. Seit August 1919 wettete John Maynard Keynes als Privatanleger auf Wechselkurse; im Mai 1927 hörte er damit für einige Jahre auf. Denn seit Mitte der 20er Jahre kehrten die meisten Länder zu festen Goldparitäten und fixen Wechselkursen zurück. Infolgedessen kam der Handel auf den Devisen-Terminmärkten fast zum Erliegen. Das änderte sich erst wieder, als dieses Regime im Zuge der Great Depression zusammenbrach und man es mit „managed Floating“, bei dem die Notenbank punktuell interveniert, versuchte. Die Devisenmärkte kamen nun zwar wieder in Schwung, im Vergleich mit den Goldenen Zwanzigern waren es aber maximal Bronzene Dreißiger-Jahre, gerade was die Gewinnmöglichkeiten anbelangte. Keynes stieg erst 1932 wieder in den Handel ein und beendete seine DevisenGeschäfte 1939 dann endgültig.

Keynes‘ Aktivitäten als Anleger sind in den Archiven des King‘s College zu Cambridge dokumentiert, das im wahrsten Sinne des Wortes die alma mater, die „nährende Mutter“ von Keynes war. Nur folgerichtig, wenn Keynes seine Nachlässe dem College vermachte und vor allem Cambridge-Wissenschaftler in den letzten Jahren die ersten waren, die Keynes‘ Anlegerleben umfassend en détail durchleuchteten. Keynes tätigte – wie David Chambers und Olivier Accominotti in einem gerade im Journal of Economic History veröffentlichten Artikel schreiben – insgesamt 354 DevisenTransaktionen im Verhältnis Pfund Sterling zu den wichtigsten Währungen Europas und zum US-Dollar. Er ging zwischen 1919 und 1927 Positionen zwischen 0 und 100.000 Pfund ein (Höhepunkt: August 1923). In seiner zweiten Handelsphase seit Oktober 1932 erhöhte sich seine Bruttoposition stetig auf bis zu 250.000 Pfund im Dezember 1936. Danach reduzierte er sein Engagement und stieg im März 1939 endgültig aus dem Handel aus.

Die wichtigste aller Fragen natürlich: Wie schnitt er bei der Performance ab? Legt man zunächst die Effizienzmarkthypothese zugrunde, die in der Wissenschaft der Devisenmärkte noch viele Anhänger hat, dann sollte Keynes langfristig mit seinen Spekulationen keinen Gewinn gemacht haben. Das aber war nicht der Fall. Zwischen 1919 und 1927 machte Keynes einen kumulativen Gewinn von 11.456 Pfund, in den 30er Jahren einen von 8.164 Pfund. Der durchschnittliche Profit pro Trade lag in der ersten Phase bei 164 Pfund. Allerdings waren seine Handelsgewinne sehr volatil. Teilweise war Keynes nahe am Bankrott. Im Mai 1920 machte er z.B. Verluste von über 20.000 Pfund, das entsprach dem Zehnfachen seines Jahres-Einkommens. Keynes verlor jedoch aufgrund seines stark ausgeprägten Selbstbewusstseins die Nerven nicht. Denn er war sich sicher, aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten und Kenntnisse in the long run zu gewinnen – noch bevor er dead sein würde. Eine statistische Analyse von Accominotti und Chambers ergab, dass seine Gewinne in den 20er Jahren in der Tat auch auf Kompetenz zurückzuführen waren. In den 30er Jahren schnitt er jedoch nicht mehr besser als der Zufall ab. Keynes‘ Langfristprognosen der Wechselkurse waren in den 20er und 30er Jahren gut, seine Kurzfristprognosen waren es nur in den 20er Jahren. Keynes war also insgesamt besser, als die Theorie der effizienten Märkte erwarten lässt.

Aber wie schnitt Keynes im Vergleich mit anderen Tradern ab? Die beiden Wissenschaftler verglichen seine Performancedaten mit denen „naiver“ Techniker. Und siehe da: die scheinbare Einfalt besiegte in den Goldenen Zwanzigern die sich überlegen dünkende analytische Intelligenz, die es mit den Fundamentaldaten aufnahm. Denn Anleger, die auf die CarryTrade- und die MomentumStrategie setzten, hatten in den 20er Jahren – auch risikoadjustiert und nach Abzug der Transaktionskosten – eine bessere Performance als die „Fundamentalisten“ und insbesondere als Keynes. Keynes hätte mit einer technischen Strategie vor allem seine starken Verluste vermeiden können. Bemerkenswert auch: In den Zwanziger-Jahren konnte man auf Devisenmärkten deutlich mehr Geld verdienen als auf Aktienmärkten. Ein technischer Trader, der mit 100 Pfund im Dezember 1919 mit seinen Wechselkurswetten begonnen hätte, wäre im Juli 1939 bei 390 Pfund (Carry) und 418 Pfund (Momentum) angelangt. UK-Aktien hätten es in diesem Zeitraum nur auf 201 Pfund gebracht.

In unserer ersten Folge über Keynes als Vermögensverwalter und als Aktienanleger (oben) schrieben wir, dass er sich durch Ernüchterungs- und Lernprozesse von einem Makroinvestor, der durch Timing den Markt vergeblich schlagen wollte, zu einem erfolgreichen Value-Anleger und Stock Picker wandelte. Einen ähnlichen Reifeprozess durchlief Keynes auch als Anleger auf dem Devisenmarkt, mit dem Unterschied, dass hier keine mikroökonomische Ausweichoption besteht. Startete er, wie bereits erwähnt, mit sehr hohem Selbstvertrauen, das auch durch massive Verluste in den 20er Jahren nicht zu erschüttern war, dann wurde er in den 30er Jahren sehr viel skeptischer im Hinblick auf die Chancen, Wechselkurse auf fundamentaler Basis überhaupt vorhersagen zu können. Er zweifelte insgesamt am fundamentalen Ansatz, weil er die Währungsspekulation zunehmend als Rate- und Glücksspiel betrachtete. Die „technische Option“ zog er deshalb aber – ausweislich seiner Schriften – nie in Betracht.

Keynes als Kunstsammler und -investor

Lange bevor Keynes mit “The General Theory of Employment, Interest and Money” die Wirtschaftswissenschaft revolutionierte, verfasste er „A Theory of Beauty“, nämlich 1905 als Student. Auch wenn der „Impact-Factor“ dieses Frühwerkes ungleich geringer war als der seines Meisterwerks – um nicht zu sagen: bei null lag – blieb Keynes der Kunst, der „bildhaften“ zumal, sein Leben lang treu: nämlich als Sammler von Kunstwerken. Seine Liebe gehörte aber nicht nur der Kunst, sondern auch einem Künstler: dem Maler Duncan Grant, mit dem er eine länger währende Beziehung einging und der ihn in seinem Kunstgeschmack entscheidend formte. Keynes war, wie Grant, Mitglied der Bloomsbury Group, einer Gemeinschaft von Künstlern und Intellektuellen, die stark dem Post-Impressionismus zuneigten, einem Stil, den auch Grant pflegte. Bei aller intrinsischen oder sozial vermittelten Freude an der Kunst war es für einen Ökonomen wie Keynes jedoch unmöglich, diese nicht auch als schönes Mittel zum finanziellen Zweck, als Investitionsobjekt zu betrachten. Was bot sich da Besseres an, als 1918 eine Reise nach Paris zu unternehmen, das immer noch ein Künstler-Eldorado war und wo sich die Preise für Impressionisten und Post-Impressionisten gerade im Keller befanden? Bei dieser und weiteren Einkaufstouren – die letzte seiner „Kaufphasen“ war zwischen 1935 und 1937 – erwarb Keynes, vielfach unter kundiger Assistenz seiner Malerfreunde, Werke u.a. von Cézanne, Delacroix, Matisse, Seurat, Renoir, Braque, auch Zeichnungen von Degas, Modigliani und Picasso. 

 

Das Cézanne-Bild L‘Enlèvement, das er 1935 für 3.500 Pfund erwarb, war Keynes‘ größte Anschaffung.

 

In den späten 20er und den frühen 30er Jahren wie auch nach 1937 beschränkte sich Keynes hingegen ganz auf Bilder britischer Maler. Darunter waren Werke befreundeter Künstler, etwa von Duncan Grant, wobei partiell auch „karitative“ Motive eine Rolle spielten. Als Verkäufer trat Keynes nicht in Erscheinung. Am Ende bestand seine Kunstsammlung aus 135 Werken. Davon konnten die Wirtschaftswissenschaftler Chambers, Dimson und Spaenjers, auf deren Untersuchung unsere Angaben beruhen, bei 73 Werken die Kaufpreise identifizieren. Auch hier stellt sich aus Investorenperspektive die Frage nach der Performance. Keynes gab insgesamt knapp 13.000 Pfund für Kunstwerke aus, Ende 2013 hatte seine Sammlung einen geschätzten Marktwert von über 70 Millionen Pfund. Die Wissenschaftler errechneten in ihrer Studie eine kaufpreisgewichtete durchschnittliche annualisierte Rendite von nominal 9,8% und real 4,7%. Die Performance seiner Sammlung entspricht damit fast der von Aktien.

Kann man aus der Sammlung von Keynes generelle Schlüsse für Kunstportfolios bzw. den Kunstmarkt ziehen? Chambers et al. bejahen diese Frage. So waren etwa die Preissteigerungen von Werken, die Keynes auf Auktionen kaufte, deutlich höher als jene, die er auf dem Primärmarkt (von Galerien oder direkt von Künstlern) erwarb. Preisindizes, die allein auf Auktionsdaten basieren, überschätzen demnach die zu erwartenden Erträge von Sammlungen. Typisch auch die starke Konzentration des Kunst-Portfolios von Keynes: Die zehn teuersten Käufe machten 80% seiner Gesamtausgaben für Kunst aus; und die bestimmten dann auch die Wertentwicklung seiner Sammlung ganz wesentlich. Investitionen in Kunstwerke haben offenbar einen starken Lotteriecharakter, was die häufig magere Performance von Kunstportfolios und geringe risikoadjustierte Renditen erklärt. Um dem entgegenzuwirken müsste man schon ein diversifiziertes Portfolio von relativ wertvollen Werken auf dem Sekundärmarkt erwerben; das können sich aber nur sehr vermögende Anleger leisten. Unabhängiger Geistesvermögensverwalter Personen mit einem höheren freien Vermögen können auf Finanzmärkten mehr riskieren als Personen, die näherungsweise von der Hand in den Mund leben.

Wir erwähnen diese Trivialität zum Schluss unserer Kleinserie über Keynes als Anleger nur deshalb, weil sie sich auch bei ihm in milderer Form exemplifizieren lässt. Denn seine Investorenaktivität korrelierte offenbar mit Anstiegen seines Vermögens. So erhöhte er etwa seine Positionen auf den Devisenmärkten in Zeiten, in denen sein Vermögen kräftiger expandierte. Und auch den beiden Phasen, in denen er die meisten und teuersten Kunstwerke erwarb, gingen Vermögensschübe voraus. Ein Interpret meinte etwa, Keynes habe die Gewinne aus der 1919 erschienen Schrift „The Economic Consequences of the Peace“, also plötzliche außeruniversitäre Zusatzerträge seines Humankapitals, in Kunstwerke gesteckt. Ein anderer vertrat die Ansicht, dass er die ersten Gewinne aus Währungsspekulationen zum Kauf von Bildern verwendet habe. Wieder ein anderer glaubte, Gewinne am Aktienmarkt in den 30er Jahren hätten seine Sammelleidenschaft erneut angefacht. Wie auch immer; Keynes verfügte über beträchtliches Vermögen, das er auf die verschiedensten Assetklassen verteilte und das er vielfältig, auch spielend „erprobte“.

Sein größtes und eigentliches Vermögen aber war sein außerordentliches Geistesvermögen. Das verwaltete er sehr unabhängig. Bisweilen transformierte er es partiell in Geldvermögen. Es daher aber restlos mit Geldeinheiten zu vermessen und damit zugleich als Eigenwert aufzulösen, hätte Keynes gewiss als Unmöglichkeit und den fortgesetzten Versuch dazu als Barbarei erachtet. Seine Verwandlung von Geldvermögen in nicht mehr veräußerte Ästhetik gibt uns einen Hinweis darauf, was er als Mittel betrachtete und was er als unveräußerlichen Selbstzweck am höchsten achtete. Theorie und Praxis.

 

LINKS ZU STUDIEN ÜBER KEYNES ALS ANLEGER (IN DENEN AUCH DETAILLIERTE PERFORMANCE-DATEN ENTHALTEN SIND):

 

Keynes als Stiftungs-Vermögensverwalter >>

Keynes als Aktien-Investor >>

Keynes als Devisen-Spekulant >>

Keynes als Kunst-Sammler und -Anleger >>

 

 

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