Studie über Finanzbetrug

Max-Planck-Institut: Ponzis gelehrige Schüler

Lutz Siebentag -

Max-Planck-Wissenschaftler legt neue Literaturstudie zum Finanzbetrug vor

 

Die Zeiten nach Finanzkrisen sind Boomphasen der Aufklärung. Aufklärung im Sinne kollabierender Illusionen. Und Aufklärung im Sinne der Anklage.  Denn der große Trug auf wirtschaftlicher  Makroebene, der retrospektiv einer Finanzkrise vorausgeht, ist mehr als die Summe rechtlich harmloser (Selbst-)Täuschungen. Hinzuaddiert  werden müssen die mutmaßlichen Betrügereien und Unrechtmäßigkeiten, für die sich die Strafverfolgungsbehörden interessieren. Wer wüsste das besser als jene Institute, die nach der jüngsten Krise bald nur noch sichere Banken für Anwälte waren?

Deshalb wüsste  man  als Kunde gerne genauer, welche Neppereien  auf dem Finanzmarkt verbreitet sind, um dagegen besser gewappnet zu sein. Eine  Antwort auf diese Frage bietet eine neue Literaturstudie zum Finanzbetrug von Arjan Reurink, der am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln die Finanzkriminalität erforscht. Reurink sichtete die englischsprachige wissenschaftliche  Literatur zum Finanzbetrug in verschiedenen akademischen Disziplinen wie Jus, Wirtschaft, politische Ökonomie, Soziologie, Kriminologie, Psychologie. Auf dieser Grundlage verfasste er einen Literaturbericht, der die verschiedenen Formen des betrügerischen  Verhaltens kategorisiert, die begünstigenden Faktoren hierfür herausarbeitet und die  Verbreitung sowie die Folgen für Wirtschaft und  Gesellschaft einschätzt. Finanzbetrug wird dabei definiert als die gesetzeswidrige Ausnutzung von Informations- und Wissensasymmetrien durch Anbieter von Finanzdienstleistungen. Nicht erfasst werden andere Formen der Finanzkriminalität, etwa Marktmanipulation, Insiderhandel oder Steuerhinterziehung.

Der Autor unterscheidet grundsätzlich drei Formen des Finanzbetrugs:

  1. a) Falschinformationen / Bilanzfälschung;
  2. b) Betrügerische Produkte und Identitäten;
  3. c) betrügerische Verkaufspraktiken.

Trotz dieser einfachen  Unterscheidung ist das Phänomen des Finanzbetrugs selber komplex und deckt neben den eindeutigen Fällen in vielen Varianten einen Graubereich ab, in dem nicht leicht zu entscheiden ist, ob gegen Gesetze verstoßen wurde oder nicht.  

Betrug durch Falschinformationen Unter die Kategorie des Finanzbetrugs fallen illegale falsche Angaben von Finanzakteuren über die Kennzahlen eines Investitionsobjekts (Unternehmen, Fonds, Derivate usw.); im Bereich von Organisationen liegt der Schwerpunkt  insbesondere bei Bilanzfälschungen. Die Veröffentlichung falscher Zahlen schließt scheinbar eine Informationsasymmetrie, tatsächlich wird diese jedoch durch Betrug vergrößert. Adressaten  solcher Täuschungen sind Investoren, Regulatoren und andere Marktteilnehmer. Ziel dabei ist, Gewinne oder Vermögenswerte größer,  Risiken hingegen geringer erscheinen zu lassen, als sie sind. Einen wesentlichen Grund für diese Sorte  von Finanzbetrug erkennt die Wissenschaft in den Anreizsystemen, vor allem in der Stärkung performanceabhängiger Gehaltssysteme auf allen Ebenen von Finanzorganisationen. Als weiterer Grund gelten Mängel der Kontrollsysteme, die gleichfalls durch monetäre Anreizstrukturen mitbedingt sind, wie etwa das Beispiel von Rating-Agenturen zeigt. Schließlich habe das starke Anwachsen finanzieller Innovationen und der fachspezifischen Komplexität (etwa bei der Buchführung) Betrug aussichtsreicher erscheinen lassen.

In der Forschungsliteratur ist auch belegt, dass verschiedene Krisenarten mit verschiedenen Arten der illegalen Falschinformation korrelieren. Während Bilanzbetrug beim Aufbau der dot.com-Bubble verbreitet war, häuften sich in der letzten Finanzkrise  Falschinformationen insbesondere im Zusammenhang mit Kreditderivaten, Hypotheken  und hypothekenbesicherten Wertpapieren.  Generell scheint diese Betrugsform nicht gerade selten zu sein und seit den 90er Jahren zugenommen zu haben. Reurink führt eine wissenschaftliche Studie an, der zufolge im Untersuchungszeitraum pro Jahr 14,5 Prozent der großen börsennotierten  Unternehmen in den USA Betrug durch Falschinformation begingen.   

 

Produkt- und Identitätsbetrug Bei dieser Variante des Finanzschwindels sind  nicht nur einzelne Informationen falsch, vielmehr  ist das gesamte Finanzprodukt bzw. die Produktidee eine Simulation, was häufig auch für die Identität des Betrügers gilt. Da hier im Idealfall der Schein das Sein zum Nichts degradiert, ist Vertrauenswürdigkeit oberstes taktisches Zwischenziel. Denn Vertrauen ist unabdingbare Voraussetzung dafür, dass die Adressaten Kontakt auf- bzw. Angebote annehmen, Gelder zahlen und sensible Informationen über ihre finanziellen Verhältnisse übermitteln. Zwei Arten dieser Betrugsform werden in der Forschung diskutiert: eine unmittelbare und eine mittelbare Vorgehensweise. Bei der ersten Variante bezieht der Betrüger direkt Gelder vom Investor, der in ein Scheinobjekt (Unternehmen, Investmentfonds, Immobilien-Projekt, Versicherung  usw.) investiert. Hierunter fallen etwa die berühmte Ponzi-Finanzierung oder High Yield Investment Programs (HYIPs), die als postmoderne Ponzi-Modelle gelten. Gelockt werden Anleger mit dem Versprechen hoher Renditen und geringer Risiken – und nicht  zuletzt mit dem seriösen Erscheinungsbild des Anbieters.

Die zweite, die mittelbare Variante, hat vor allem aufgrund des Internets an Bedeutung stark zugenommen. Hier wird zu nächst das Opfer dazu verleitet, Informationen  zu  seiner finanziellen Identität zu übermitteln (Kreditkartenangaben, Sicherheitscodes, Passwörter usw.), dann erst wird Geld abgezogen, wobei in der Regel die mitgeteilte Identität der Anbieter falsch ist.  

 

Betrügerische Verkaufspraktiken Unter diese Rubrik fällt betrügerisches Verhalten im Bereich Marketing und Beratung. Betrug  besteht bei Verkaufspraktiken nicht notwendig in der falschen Repräsentation von Fakten. Denn häufig geht es um zukünftige Ereignisse, die noch keine Fakten sind, um Möglich- oder Wahrscheinlichkeiten. Illegal kann hier eine Täuschung schon sein, wenn etwa Ratschläge irreführend sind, Chancen übertrieben werden, Risiken unerwähnt bleiben. Die hier bestehende  Asymmetrie zwischen Dienstleistern und Kunden bezieht sich nicht allein auf Einzelinformationen, sondern auch auf Wissen, Expertise  und Interpretationsfähigkeit. Eine illegale Ausnützung dieser Asymmetrien wird durch die Einheit von Verkaufsinteresse und Beratung in einer Person oder einer Institution begünstigt. Allerdings ist die Linie zwischen aggressiven, aber legalen Verkaufspraktiken und betrügerischen Praktiken oft schwer zu ziehen.

Reurink entnimmt der gesichteten Literatur, dass betrügerische Verkaufspraktiken in der Finanzbranche häufig sind und in den letzten Jahrzehnten zugenommen haben. Dafür arbeitet er fünf systematische Gründe heraus, die miteinander eng zusammenhängen:

Erstens habe die finanzielle Selbstverantwortung großer Bevölkerungsteile durch Privatisierung der Sozialversicherungssysteme stark zugenommen.

Zweitens sei der Grad der finanziellen Allgemeinbildung bei Anlegern gering oder habe mit den gestiegenen Anforderungen nicht Schritt gehalten. Letzteres gelte auch für Profis bzw. Institutionelle Anleger, die ihre Finanzkompetenz überschätzten und sich deshalb an zu komplexe Produkte heranwagten.

Drittens habe die Komplexität der Finanzprodukte stark zugenommen.

Viertens hätten sich die Distributionswege verändert, etwa durch die zunehmende Bedeutung zwischengeschalteter Intermediäre.

Fünftens habe die steigende Vielfalt und Veränderungsfrequenz der Produktlinien die Konfusion der Anleger erhöht. In Anbetracht dessen wird in der Literatur die These vertreten, dass Genese von Komplexität und Unübersichtlichkeit auch eine Strategie von Finanzdienstleistern sei, um Informations-Asymmetrien aufrechtzuerhalten oder zu vergrößern und diese dann legal oder illegal auszunützen. 

Schluss

Insgesamt vermittelt die Forschungsliteratur den Eindruck, dass Betrug in der Finanzbrache weit verbreitet ist und in den letzten Dekaden zugenommen hat, wenngleich die harten Daten nicht hinreichend aussagekräftig sind, um den Gesamtumfang beziffern zu können. Hinzu kommt, dass hier nicht nur die monetären Primär-Kosten des Betrugs zu berücksichtigen sind, sondern auch psychische und soziale Kosten etwa in Form geschwundenen Vertrauens in Institutionen, was sich wiederum in monetären Sekundär-Kosten niederschlägt. Die Wissenschaft bestätigt auch, dass Finanzbetrug in Finanzkrisen stark zunimmt. Der Hauptgrund ist wohl, dass viele Betrugs-Modelle krisenbedingt kollabieren, so dass ihre Wahrheit synchron ans Licht kommt. Auch werden in der Postkrisenphase bisher legale Praktiken verboten, aber Routinen und Anreizstrukturen passen sich nur langsam an. Generell stützt die einschlägige Forschungsliteratur die Hypothese der kriminogenetischen Märkte, der zufolge bestimmte Marktstrukturen illegales Verhalten wahrscheinlich machen.

Die Wissenschaft macht insbesondere vier Strukturveränderungen für das verstärkte Betrugsaufkommen der letzten Jahrzehnte verantwortlich: Erstens finanzielle Deregulierung und Wandel der Anreizstrukturen. Zweitens Marktzutritt von Anlegern mit geringen Finanzkenntnissen. Drittens technologisch, rechtlich und finanztechnisch bedingte Komplexitätssteigerung. Viertens strengere Vertraulichkeitsregeln der Branche, Wachstum außerbilanzieller Konstruktionen sowie die zunehmende Nutzung von Offshore-Finanzplätzen (siehe Rezension „Capital without Borders“ in dieser Ausgabe von Renditewerk). Wer über die hier präsentierte Zusammenfassung genereller Ergebnisse hinaus die sehr dichte Literaturstudie von Reurink mitsamt den vielen Literaturhinweisen selber lesen möchte, kann dies über folgenden Link tun: „Financial Fraud. A Literature Review“.

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